11. Januar 2005                                                                Zurück zur Übersicht

Wir waren heute wieder im Tal der Tränen, erste Station die Schule Ban Bang Muang. Die Waisen werden dort liebevoll betreut und die meisten machen auch seelisch einen stabileren Eindruck als beim letzten Besuch. Ihr könnt Euch kaum vorstellen wie die armen Würmer sich gefreut haben als wir auftauchten. Zumindest diejenigen die schon genug Verständnis für Ihre Lage haben. Ich denke daß sie nach dem ersten Besuch und den dazwischen liegenden Tagen vermutet hatten daß wir nur die leider jetzt verstärkt auftauchenden Horrortouristen waren. Jedenfalls fingen die Kinderaugen an zu leuchten als wir einen Sack voll Kuscheltiere auspackten den Karin und Günther Strothmann aus Deutschland mitgebracht hatten. Während Simone die Kinder beschäftigte konnte der Rest von uns sich in Ruhe mit dem Schulleiter beraten währen Detlev und unsere Tsunamitaucherin Dao die fehlenden Fotos und Daten erfassen. Mit dem Schulleiter und dem Lehrerkollegium wurden vorläufige Formalitäten für die Patenschaften besprochen. Der Schulleiter zeigte sich dabei sehr hilfsbereit und sparsam in Hinblick auf Sponsorengelder.
Die Schule ist ziemlich veraltet und spartanisch ausgestattet und mußte nach der Flutwelle noch zahlreiche Schüler und vor allem Waisen aufnehmen. Auf der Wunschliste des Lehrerkollegiums stehen:
Neue und mehr Toiletten (stimmt, die hygienischen Verhältnisse sind schlimm)
Eine Trinkwasseraufbereitungsanlage (das ist billiger als abgefülltes Wasser kaufen)
Eine Bibliothek mit "Technologiezentrum" in dem neben den Büchern ein paar Computer stehen damit die Kinder nach dem Unterricht Sprachen lernen können.

Anschließend fuhren wir nach Baan Nam Kem zu unseren zwanzig Fischerfamilien. Wir haben ihnen angeboten entweder einen großen Fischkutter anzuschaffen den sie gemeinsam in Form einer Cooperative zu betreiben, oder aber so viele wie möglich kleine Boote zu kaufen. Die Fischer wollten lieber kleine Boote da sie dann bei schlechtem Wetter trotzdem in geschützten Klongs fischen können. Anschließend wollten wir der Notgemeinschaft noch das restliche schon versprochene Geld für die Überbrückungshilfe übergeben das wir mitgebracht hatten.
In dem Moment begann der unangenehme Teil des Tages. Da krochen langsam die Ratten aus ihren Löchern. Plötzlich war ein sehr gut gekleideter und genährter Mann mitten im Geschehen der auch an dem Geldsegen partizipieren wollte. Auf nachdrückliches Befragen stellte sich heraus daß er zwei große Fischkutter besaß die zwar beschädigt, aber nicht zerstört waren. Die Regierung hat schon zugesagt in solchen Fällen finanzielle Hilfe für die Reparatur zu leisten. Unserer Meinung  nach hat jemand der zwei Fischkutter besitzt und sein Haus nicht verloren hat auch Reserven und sollte auf unserer Empfängerliste nichts zu suchen haben. Dann beobachtete Prob, meine Frau, wie sich im Hintergrund eine neuhinzugekommene Dame ihren Schmuck von Hals und Armen entfernte, den in Ihre Tasche stopfte und dann mit Papieren die Ihre Herkunft aus dem Ort beweisen sollten Ihre Forderungen uns gegenüber vortrug. Daß sie zwar aus der Gegend stammt, aber in einer anderen Provinz arbeitet und ihren Lebensunterhalt verdient, also gar nichts verloren hat erfuhren wir dann von einem uns vertrauten Thai der aus dem Dorf ist. Dann ließ sich noch eine Dame mit einem "Waisen" in unsere Datenbank aufnehmen die auch recht gut situiert aussah. Komischerweise lebte Ihr Mann auch noch und hatte Arbeit. Wir waren alle hellauf begeistert! Nachdem das Theater überhaupt kein Ende nahm steckte ich das Geld wieder weg, verlangte daß jeder Spendenempfänger in drei Tagen mit dem schriftlichen Nachweis antritt daß er in dieses Viertel gehört und wir prüfen ob er wirklich Hab und Gut verloren hat und mittellos ist. Uns haben die wirklich armen Familien leid getan. Aber wir möchten nicht daß das Geld daß sich Europäer die auch nicht gerade reich sind vom Munde absparen irgendwelchen Parasiten in den Rachen werfen. Wie recht wir mit  unserem Mißtrauen hatten stellte sich heraus als die Dame mit dem "Waisenkind" auf einer Ausgabestelle auftauchte wo Kleider und Nahrung für die Flutopfer ausgegeben werden. Wahrscheinlich reisen die beiden von Ort zu Ort um sich "helfen" zu lassen.

In dem Lager schuften momentan ca. 200 Soldaten wie die Sklaven um feste Notunterkünfte für die  Obdachlosen zu erstellen. Bei unserem Besuch stellte sich heraus daß für die Soldaten kein Trinkwasser mehr vorhanden war und auch nicht so schnell kommen würde. Toll bei der Hitze und der Arbeit. Also besorgten wir noch schnell einen Pickup mit Trinkwasser damit die Hütten auch wirklich fertiggestellt werden können. Der Lagerkommandant war ziemlich verblüfft über diese spontane "Auslandshilfe".

Neben der Fluthilfe geht die Suche nach Vermißten weiter, wenn auch sehr mühsam. Inzwischen gibt es jede Menge Webseiten und Datenbanken in denen unidentifizierte Tote und Lebende gelistet werden. Leider sind die meisten dieser Datenquellen nicht auf dem neuesten Stand oder führen viele Fehlinformationen. Die  thailändischen Behörden und das BKA helfen wo immer sie können. Der Arbeitsanfall für die Behörden ist allerdings so ungeheuer daß die Beamten kaum wissen wann sie schlafen sollen.
Wir haben bis jetzt vier lebende Vermißte gefunden und drei Tote identifizieren können. Nicht gerade ein überwältigendes Ergebnis. Aber die Suche ist wirklich schwierig.
 

 

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